EIN SPIEL ZWISCHEN REALITÄT UND ILLUSION - OPER UND PORNOGRAFIE

Mich haben schon immer Traum- und Parallelwelten interessiert. In meinen bisherigen Filmen ging es häufig um Menschen, die in selbst geschaffenen, „imaginären“ Welten leben und dadurch die Realität der (Norm-)Gesellschaft in Frage stellen. Was mich von Anfang an „Naked Opera“ fasziniert hat, waren die Kontraste, Gegensätze und Widersprüche von Marc als reale Figur und seinem selbst kreierten Illusions-Raum. Es geht um Schönheit und Hässlichkeit, Macht und Unterwerfung, Lüge und Wahrheit, Traum und Wirklichkeit, Reichtum und Armut (Abhängigkeit), junge, durchtrainierte Körper versus Krankheit und Tod.
 

Luxemburg, ein Land zwischen romantischem Märchenschloss-Idyll und unterkühltem Business-Charme, könnte kein besserer Ort für diese Geschichte sein. Aber vor allem der Mensch Marc, der sich selbst zur Kunstfigur erhoben hat, ist ein kompletter Widerspruch in sich: Das Leben als Spiel aka Selbstbetrug, und gleichzeitig der innigste Wunsch nach Liebe und Geborgenheit, der sich durch alles Geld der Welt nicht erkaufen lässt. Hier ist der größte Widerspruch bei Marc: „Die größte Rolle in meinem Leben spiele ich!“ sagt er zu mir. Ich glaube, im tiefsten Inneren spürt er seinen permanenten Selbstbetrug und wünscht sich nichts mehr, als geliebt zu werden für das, was er ist, und einen Partner, der es ehrlich mit ihm meint.


Marc erzählte mir, dass er sich deshalb in den Pornostar Jordan Fox verliebt hatte, weil dieser ihm nie etwas vorgespielt hat. Das muss für ihn eine besondere Qualität gewesen sein, nachdem er für so viele Escort-Boys bezahlt hat, damit sie ihm etwas vorspielen. Die Liebesgeschichte mit Jordan ist der rote Faden im Film. Hier zeigt der Machtmensch Marc sein wahres Gesicht, weil er plötzlich die Kontrolle verliert und der Unterlegene ist.


Für mich stecken viele psychologische und ethische Fragestellungen in der Figur Marc - es geht um Machtspiele und Unterwerfung, Sado-Masochismus, Kindheitstraumata, Verrat, Rache, Eifersucht - zum Teil Don Giovanni-Themen. Doch vor allem geht es um einen durch seine Krankheit gezeichneten Mann, der für vermeintliche Liebe bezahlt, um seiner Einsamkeit zu entkommen. Marc hasst die Idee, als Todesgetriebener (à la Tod in Venedig) dargestellt zu werden. Selbst wenn es die Oper vorgibt, dass Don Giovanni am Ende untergeht, soll es für Marc ein anderes Ende geben:  Eine Selbsterkenntnis oder eine mögliche Auflösung des Rätsels.


Es gibt drei große Reisen zu Don Giovanni Opern-Inszenierungen: Venedig, Wien, Berlin - Drei unterschiedliche Städte, die bildnerisch einen schönen Kontrast bilden. Das Reisen an sich, die Bewegung wird filmisch und musikalisch thematisiert, damit der Film einen Sog bekommt.


Ich möchte einen Dokumentarfilm machen, der mit der Wirklichkeit spielt und sie gleichzeitig in Frage stellt. Man erfährt Marcs tiefstes Inneres in Form von Interviews und sieht ebenso inszenierte Szenen, die in die realen Begebenheiten eingeflochten werden sollen. Der Film funktioniert als Spiel mit Identitäten zwischen Traum und Wirklichkeit und ist manchmal wie ein Rätsel aufgebaut.

Die Bilder des Filmes werden so fotografiert, dass sie wie Tafelbilder anmuten. Die Kamera fungiert beobachtend wie ein stiller, intimer Blick durchs Schlüsselloch. Marcs Zuhause ist sowohl seine Bühne, als auch sein gläserner Schutzraum, ähnlich eines Aquariums. Ich spiele mit den Tafel-Bildebenen, indem ich das Geschehen einfriere, so als ob es ein Filmstill oder ein Gemälde ist. Durch die bildnerische Ebene entsteht gleichzeitig ein Spiel mit Realitätsebenen als auch das Verschwinden der eigenen Identität.


Reale Szenen gehen in surreale Traumsequenzen über und werden wieder gebrochen: Der Schauspieler Ingmar Skrinjar spielt die Verkörperung des steinernen Gastes in Form einer nackte Statue. Die Szene endet damit, dass die Statue vom Sockel springt und Marcs teuren Mantel einstaubt.
Filmausschnitte aus Joseph Loseys „Don Giovanni“ bilden eine zweite Ebene und werden durch Parallel-Montage so in die Handlung eingefügt, dass daraus Analogien zur Verführungsgeschichte von Marc und Jordan entstehen.