INTERVIEW MIT REGISSEURIN ANGELA CHRISTLIEB

Wie kamst du zu dem Film und wie entstand die Idee, einen Film über Marc Rollinger zu drehen?


Es war ursprünglich nicht meine Idee, sondern es gab bereits ein Drehbuch, das unter anderem von Philipp Reimer entwickelt wurde. Philipp ist Luxemburger und lernte Marc während einer Inszenierung von Don Giovanni in der Berliner Oper kennen. Sie fanden sich auf Anhieb sympathisch und stellten gewisse Gemeinsamkeiten fest: Beide kommen aus Luxemburg, lieben Oper und haben am Weltfrauentag Geburtstag. Er fand Marc so spannend, dass er anfing, gemeinsam mit Patricia Fürst ein Drehbuch zu schreiben. Auf der Diagonale 2011 lernte ich die Produzentin Bady Minck kennen. Sie schickte mir eine Synopsis des Filmes zu und fragte mich, wie ich das fände. Ich war sofort begeistert von der Geschichte. Meine erste Reaktion war: Diesen Film möchte ich auf jeden Fall sehen, wenn er fertig ist. Wenig später fragte sie mich, ob ich für diesen Film Regie führen wolle. Ich ließ alles stehen und liegen und bin innerhalb von Tagen von Wien nach Luxemburg umgesiedelt. Dort habe ich zuerst  intensiv mit Marc recherchiert, am Drehbuch weiter gearbeitet und relativ schnell angefangen zu drehen.

 


Was hat dich an der Thematik und an der Person fasziniert?


Mich faszinierte auf Anhieb, dass es eine sehr ungewöhnliche Geschichte ist. Sie spielt in einer Welt, zu der ich normalerweise keinen Zugang habe. Die Welt von Luxus und teuren Hotels in Verbindung mit Oper und Escort-Boys. Im Kontrast dazu Marc, der Mensch, der mit einer unheilbaren Auto-Immunkrankheit umgehen muss, die sein Leben überschattet, und sich trotzdem in einen Porno-Darsteller verliebt. Das war für mich von Anfang an eine sehr intensive Thematik mit unterschiedlichen Facetten und Ebenen. Was mich am meisten interessiert hat, war diese Parallelwelt, in der sich Marc bewegt. Die wollte ich kennen lernen.
Obwohl ich keine große Opernkennerin bin, ist für mich die Figur des Don Giovanni sehr fesselnd, weil er Macht über andere hat und ihm alle erlegen sind. Dass sich Marc gerade mit dieser Oper identifiziert, wird klar, wenn man ihn besser kennenlernt.  Er braucht das Spiel von Macht und Kontrolle über andere wie die Luft zum Atmen. Das hat nicht nur mit seiner Krankheit zu tun, aber sie trägt einen großen Teil dazu bei, da er durch sein körperliches Leiden nicht der Unterlegene sein will.  Ihm ist völlig bewusst, dass er durch seine Selbstinszenierung und sein Outing provoziert. Aber er hat genug Selbst-Ironie, sich über extreme Reaktionen zu freuen. Das gefällt mir und dafür bewundere ich ihn.

 

Der Film besteht aus einzelnen Stationen. Woher stammen diese? Waren die Orte auf Grund des Drehbuches mit Marc abgesprochen oder entstanden diese spontan während des Filmens? Wie kam es also dazu, dass du mit Mark gemeinsam quer durch Europa gereist bist?


Marcs Leidenschaft ist es, dorthin zu reisen, wo Don Giovanni aufgeführt wird und sich dazu  junge „Begleiter“ einzuladen, die er vor Ort kennenlernt. Seine Reisen führen ihn kreuz und quer durch Europa. Jedoch nicht darüber hinaus, weil es ihm aufgrund seiner Krankheit zu riskant ist, längere Flugreisen zu machen.  Es waren ursprünglich auch andere Orte im Drehbuch vorgesehen, aber ich  musste mich danach richten, in welchen Städten Don Giovanni im Zeitraum des Drehplans tatsächlich gespielt wurde.  Ich wollte  auf jeden Fall in Venedig drehen, weil diese Stadt visuell spektakulär ist und  für mich zu Don Giovanni gehört, da die Filmausschnitte aus Joseph Loseys „Don Govanni“ auch in Venedig spielen.  Wir hatten Glück, dass es noch weitere Aufführungen in Wien und in Berlin gab. Es gab noch andere Städte, in denen Don Giovanni aufgeführt wurde, aber ich habe ich mich auf Venedig, Wien und Berlin konzentriert. Für mich waren diese drei Städte ein sehr schöner Kontrast, da sie sehr unterschiedlich sind.

 

Du und dein Kamerateam seid sehr präsent im Film. Man hat manchmal  das Gefühl, dass ihr in die Geschichte eingreift und  gewisse Situationen provoziert. Dieses unterscheidet deinen Film von vielen klassischen Dokumentarfilmen, die eher beobachtend oder hinterfragend sind. Wie sehr hast du das Geschehen tatsächlich gesteuert?

 

Es war nicht von Anfang an geplant, dass ich und das Filmteam im Film zu sehen sein werden. Im Gegenteil:  Ich wollte ursprünglich auf keinen Fall im Film präsent sein. Ich wollte nicht einmal, dass meine Stimme zu hören ist.
Dann haben sich die Dreharbeiten dahin entwickelt, dass Marc absolute Kontrolle über den Film ausüben wollte. Er wollte bestimmen, was gedreht wird, was zu manchen Konfliktsituationen führte. Wenn es nicht nach seinem Willen ging, drohte er mit Verweigerung. Die Dreharbeiten mit Marc waren eine große Herausforderung für mich. Um Reaktionen und  „echte“ Gefühle von ihm zu bekommen, musste ich ihn mit Szenen überraschen, um ihn abzulenken. Ein einfacher Trick war, ihm junge attraktive Männer einzuladen und immer ausreichend Champagner in den Kühlschrank zu stellen. Das hat dazu geführt, dass er seine Selbstinszenierung und Kontrolle für eine Weile vergessen hat und er selbst wurde.
Während des Schnitts stellte sich heraus, dass dieses Machtspiel zwischen ihm und dem Filmteam ein wichtiger Teil des Filmes geworden war und im Film thematisiert werden musste. In der ersten Schnittfassung hatte ich ein paar dieser Momente in den Film eingebracht. Die Zuschauerreaktionen darauf waren so positiv, dass wir diese Seite des Filmes verstärkt haben.

 


Dein Film vermittelt ein sehr starkes Gefühl des Voyeurismus‘. Inwiefern war dieser Blick beabsichtigt?


Stichwort Voyeurismus: Das ist bei  jedem Dokumentarfilm die entscheidende Frage. Wahrscheinlich besonders bei diesem Film, weil der Zuschauer das Gefühl hat, direkt in Marcs Schlafzimmer zu blicken. Man darf aber nicht vergessen: das Schlafzimmer ist eine Bühne, die Marc für uns inszeniert. Die Kamera ist sein Spiegel und der Film sein Medium. Wenn jemand den Film voyeuristisch findet, mag er - in diesem Sinne-  vielleicht recht haben.
Mein Ziel war es nie, ihn bloßzustellen. Im Gegenteil: ich wollte hinter die Kulissen des Menschen Marc blicken und zeigen, dass er trotz seiner Selbstinszenierung und Machtspiele durchaus verletzliche und zutiefst menschliche Seiten hat.

 


Du arbeitest mit sehr vielen visuellen Mitteln wie Zeitraffer, Bildschnitten usw.. Wie viel hast du in den Film, in die Geschichte somit eingegriffen, und kann man es überhaupt ein Eingreifen nennen?


Ich sehe meine visuellen Stilmittel wie Zeitraffer, Jump-Cuts oder Bild-in-Bild-Montagen nicht als Eingreifen in die Geschichte, sondern als künstlerisches Ausdrucksmittel, als Möglichkeit, mit verschiedenen Wahrnehmungs- und  Zeitebenen zu arbeiten. Ich hatte von Anfang an die Idee, dass sich der Film zwischen Inszenierung und Realität bewegen soll, so wie sich die Geschichte  zwischen der Kunstfigur Marc und dem echten Marc bewegt. Ich wollte Illusionsräume schaffen und visuelle Stilmittel dazu nutzen, sich in diesen Räumen zu bewegen.
Zum Beispiel habe ich Bilder von Krankenhaustüren, durch die Marc geht mit Bildern des Luxemburg Pavilions der Biennale Venedig montiert. Marc tritt durch einen gläsernen Raum in einen weißen Raum mit surrealen Möbeln, deren Beine gebrochen sind. So entstehen Assoziationsräume, die beim  Zuschauer Irritationen hervorrufen können. Das beschreibt einen psychischen Zustand, der allein durch die Montage von Bilder und Töne erzeugt wird. Das mag wie ein Eingriff in die Realität aussehen. Ich finde jedoch, dass man Dokumentarfilme nicht streng dogmatisch machen muss, um die Realität 1:1 abzubilden, sondern sich die Freiheit erlauben kann, mit Realitätsebenen zu spielen.
An dieser Stelle möchte ich ein großes Dankeschön an  meine Produktionsfirma AMOUR FOU und Bady Minck aussprechen, die mich durch ihren künstlerischen Ansatz darin unterstützt hat, experimentell arbeiten zu können.  Ebenso an die Filmförderung Luxemburg, die mir diese Freiräume ermöglicht hat, und an meine Cutterin Pia Dumont.